Vorwort

Gesichter der Nachhaltigkeit

Von Dr. Alexandra Hildebrandt und Hauke Schwiezer

Sie können die »Gesichter der Nachhaltigkeit« auf verschiedene Arten lesen: schnell vom Ende her, aus der Mitte oder langsam von vorn nach hinten, sodass viele denkwürdige Geschichten hinter den Gesichtern »aufgelesen« und verinnerlicht werden, was im besten Fall dazu führt, dass die eigene Gestaltungskraft angeregt wird. Dieses Buch ist daher auch so etwas wie ein Impulsgeber für eigene Inspirationen und Möglichkeiten, um auf das zu stoßen, was im Leben wesentlich ist: das Sein und nicht das Haben, das Wesen und nicht der Schein.

Mit unserem Buch möchten wir das kulturell tief verwurzelte Wort Nachhaltigkeit vor allem emotional begreifbar machen, indem wir es mit Menschen in Verbindung bringen, die ihm ein Gesicht geben. Binnen weniger Jahre wurde aus einem »gewachsenen« Leitbegriff des deutschen Forstwesens ein Wort mit vielen Bedeutungsinhalten, das spätestens mit der UN-Konferenz von Rio 1992 weltweit bekannt geworden ist. Auf die Historie und Definitionen wird in diesem Buch vielfach verwiesen, deshalb verzichten wir an dieser Stelle auf Wiederholungen und widmen uns dem, was bleibt und zeitlos ist: seinem Wesen und Charakter, der sich in menschlichen Haltungen spiegelt, die wir mit diesem Buch zeigen.

Die zunehmende Bedrohung unserer Lebensgrundlagen – Artensterben, Klimawandel, Ressourcenverknappung, Überfischung der Meere, Verknappung von Energieträgern – führen uns die Grenzen eines Wirtschaftssystems vor Augen, das auf unbegrenztes Wachstum und einen immer schnelleren Kreislauf von Geld, Gütern und Geist setzt. Gier und Korruption, die Zunahme an Armut und die Herausforderungen des demografischen Wandels zeigen, dass ein »Weiter so« nicht zu rechtfertigen ist. All das hat eine wachsende Instabilität zur Folge, was insgesamt zu einer gesellschaftlichen Orientierungslosigkeit und Verunsicherung führt. Die Beschäftigung mit Nachhaltigkeit als einem strategischen Konzept der Selbstbeschränkung bietet dafür einen wichtigen Anker.

Doch wer Nachhaltigkeit nur mit äußeren Faktoren in Verbindung bringt, begreift nicht, dass er auf die Fragen des Lebens nur antworten kann, wenn er auch für das eigene Leben nachhaltig Verantwortung übernimmt und es in Beziehung setzt zu dem, was in der Welt geschieht. Dafür braucht es vor allem Zeit, eingefahrene Verhaltensweisen zu überprüfen, Achtsamkeit und Stärke. 

In diesem Buch stellen wir Menschen vor, die ihrem inneren Kompass folgen. Viele von ihnen empfinden die Trennung zwischen Beruf und Privatleben als Konstrukt. Das, was sie gern machen, tun sie mit Leidenschaft und Mut. Veränderungen gehen für sie mit Stehvermögen und Neubeginn einher. Leidenschaft gehört für sie zu einer gelungenen Biographie.

Vielfalt statt Einfalt ist ein prägendes Charakteristikum des Buches, das verschiedene Lebensentwürfe, Haltungen und Strategien miteinander verbindet. Dass dabei immer etwas zu wünschen übrig bleibt, versteht sich von selbst, zumal man immer nur das erblickt, was man schon weiß und versteht. Auch erheben wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Geradlinigkeit. Vielmehr setzen wir auf die Kraft anschaulicher Beispiele, auf die nachhaltige Wirkung von Gesichtern und Geschichten, die unsere Identität prägen. Sie haben Bestand, weil sie komplexe Sachverhalte zeitlos, anschaulich und nachvollziehbar vermitteln. 

So auch Heinrich Bölls »Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral« von 1963. Von ihr gehen nachhaltige Impulse aus, die damals wie heute von großer Tragweite und Aktualität sind – auch für dieses Buch. Sie bringt zum Ausdruck, wohin Wachstum und Beschleunigungskultur führen können:

In einer Hafenstadt liegt ein armer Fischer in seinem Boot und schläft. Ein Unternehmer, der gerade im Urlaub ist, fotografiert diese Szene und weckt den Fischer auf. Beiden kommen ins Gespräch und unterhalten sich über den Fischfang. Als der Unternehmer erfährt, dass der Fischer immer nur einmal am Tag ausfährt, ist sein unternehmerischer Ehrgeiz geweckt. Warum er nicht ein zweites oder gar drittes Mal ausfahre? Er könne seinen Fang damit verdoppeln oder sogar verdreifachen. Der Fischer versteht allerdings nicht, was ihm das bringt. »Sie würden sich spätestens in einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten und dem Kutter würden sie natürlich viel mehr fangen«, so der Unternehmer: »Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und ihren Kuttern per Funk Anweisungen geben.« Doch der Fischer fragt verständnislos: »Was dann?« – »Dann«, sagt der Unternehmer, »könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das herrliche Meer blicken.« Aber genau das tue er doch längst, antwortet der Fischer und fügt hinzu: »Nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört.«

Das Beispiel zeigt auch, dass Nachhaltigkeit, Glück und Lebenssinn zusammengehören. ­Diese Botschaft zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Die hier vorgestellten Menschen widmen sich alle – auf ihre ganz eigene Art – dem Suchen und Finden von Nachhaltigkeit in verschiedenen Lebensbereichen. Einige von ihnen sind noch am Anfang, andere wiederum sind bereits einen weiten Weg der Nachhaltigkeit gegangen – allen gemeinsam ist jedoch das, was sie innerlich bewegt: Sinn zu erfahren in dem, was sie tun, und Sinn zu stiften – im Leben und in der Gesellschaft. Sie denken auf Vorrat, handeln mit Augenmaß und gehen mit erstaunlicher Beharrlichkeit, Geduld und weltoffener Neugier ihren eigenen Weg. Sie kennen den Kompass ihres eigenen Lebens und wissen, was ihnen wirklich wichtig ist. Nur deshalb haben sie neben Mitteln und Möglichkeiten auch die Kraft zur Umsetzung.

Was sie noch ausmacht:

  • die Demut, dass sie andere brauchen, um vo­ranzukommen
  • das Wissen, dass das Leben unvollkommen ist
  • Aufrichtigkeit
  • Bescheidenheit
  • Gestaltungsverantwortung für das eigene Leben und das der Anderen.

Unser Anspruch ist es, allen Beteiligten und Themen des Buches mit der gleichen Aufmerksamkeit zu begegnen, was sich auch in der alphabetischen Anordnung der Beiträge zeigt. Zudem durchdringen sich sämtliche Themen wie Ernährung und Gesundheit, Handel und Konsum, Mobilität, Wirtschaft und Finanzen, Bauen und Architektur, Energie und Klima, Freizeit und Reisen, Sport und Kultur, Bildung und Innovation, Politik und Gesellschaft – es gibt auch keine Trennung von Nachhaltigkeit im Leben: Alles ist mit allem verbunden.

Der Titel »Gesichter der Nachhaltigkeit« ent­hält einiges der Intentionen, mit denen dieses Buch geschrieben wurde, denn wir fragten uns, weshalb es überhaupt möglich ist, dass sich nachhaltige Innovationen entwickeln können. Die Antwort: Weil ihre kreativsten Vertreter eine Vision haben, ein »Gesicht«, das ein Bild der Einbildungskraft ist. So erzählt schon die Bibel von den »Gesichten« der Propheten. »Innovation ist die Materialisierung einer Vision«, sagt die Künstlerin Stefanie Welk, denn sie startet als kraftvolle Vision einer Realität, die noch nicht eingetreten ist. Doch erst durch ihre Umsetzung wird sie zur Innovation: »Sie muss der Realität standhalten, sich in ihr materialisieren und sie so letztlich verändern.« Ist eine Vision stark genug, überwindet sie alle Widerstände, und es kommt zu einer sprunghaften Entwicklung.

Fast 80 Prozent der Top-Manager sind davon überzeugt, dass Nachhaltigkeit auch ein Motor für Innovationen ist, die vielfach mit den Bereichen Technik und Wirtschaft in Verbindung gebracht werden – unser Verständnis reicht allerdings weit in den gesellschaftlichen Bereich hinein. Eine Organisation, die Nachhaltigkeit als Innovations­treiber begreift und in ihre Strukturen und Prozesse integriert, wird von diesen Entwicklungen mit Sicherheit profitieren.

Innovationen setzen einen Fernblick voraus, ein Charakteristikum kreativer und außergewöhnlicher Gestalter, die für ihre Idee leben. Konkurrenz macht ihnen keine Angst, denn es geht ihnen nicht um Auseinander-setzen, sondern um Zusammen-setzen. Um in die Zukunft schauen zu können oder sie zu erahnen, müssen sie querdenken, die Ränder des Wissens suchen, weit über den eigenen Tellerrand blicken und zuweilen auch ins Unbekannte aufbrechen. Mit diesem Buch möchten wir zeigen, was möglich und wünschenswert ist: Best Practice im besten Sinne des Wortes. Wir bedanken uns bei allen, die mitgewirkt und dieses Buch durch ihr »Gesicht« bereichert haben.

 

Burgthann/Weinheim im November 2012

Aus Gründen besserer Lesbarkeit wurde auf ­geschlechtsbezogene Doppelnennungen verzichtet. Die verwendete männliche Form meint dabei stets Frauen und Männer.