Alexandra Hildebrandt

Dr. Alexandra Hildebrandt, Jahrgang 1970, ist Nachhaltigkeitsexpertin und Wirtschaftspsychologin. Sie studierte Literaturwissenschaft, Psychologie und Buchwissenschaft. Anschließend war sie viele Jahre in oberen Führungspositionen der Wirtschaft tätig. Bis 2009 arbeitete sie als Leiterin Gesellschaftspolitik und Kommunikation bei der KarstadtQuelle AG (Arcandor). Für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) arbeitete sie von 2010-2013 für die DFB-Kommission Nachhaltigkeit. Sie ist Dozentin an der Hochschule für angewandtes Management in Erding und spezialisiert auf die Positionierung nachhaltiger Unternehmen und Organisationen, ihrer Leistungen, Produkte und ihrer Kommunikation. Den Deutschen Industrie- und Handelskammertag unterstützte sie bei der Konzeption und Durchführung des Zertifikatslehrgangs „CSR-Manager (IHK)“. Alexandra Hildebrandt ist Sachbuchautorin,  Herausgeberin, Unterstützerin des internationalen SEA-Award Wien und Mitinitiatorin der Initiative www.gesichter-der-nachhaltigkeit.de. Sie bloggt regelmäßig für die Huffington Post (http://www.huffingtonpost.de/alexandra-hildebrandt/) und ist Co-Publisherin der Zeitschrift REVUE. Magazine for the Next Society (http://revue-magazine.net/revue/).

Weiterführende Informationen:

www.verantwortungtragen.net
www.dfb-stiftung-egidius-braun.de
www.burgthanner-dialoge.de

 

Die Dynamik des Möglichen

In Ihrer beruflichen Laufbahn ist das Thema Verantwortung ein treuer Begleiter. Was verbinden Sie persönlich mit diesem Begriff?

Vor allem eine solide Wertebasis, die im Einklang mit dem eigenen Gewissen steht. Wesentlich ist dabei das Prinzip Eigenverantwortung: Dahinter steht das Bild des selbstbestimmten Menschen, der sich aus eigener Überzeugung Werten verpflichtet fühlt und lieber selbst handelt, bevor er sich "behandeln" lässt. Mit dem Begriff Verantwortung verbinde ich deshalb vor allem aktive Verantwortung für andere und für die eigene Lebensgestaltung – und nicht, in die Verantwortung "gezogen" werden. Zuweilen verweisen Menschen darauf, weisungsgebunden zu sein. Die Last der Entscheidung wird dann auf viele Schultern verteilt, um sie in der Unverbindlichkeit der Gruppe bequem abzulegen. Doch das entschuldigt nichts, denn Verantwortung reicht über die eigene Aufgabe hinaus, die einem unmittelbar zugewiesen ist. Wer sich seiner Verantwortung bewusst wird und den Mut hat, sich zu bekennen, erfährt sich selbst als Lebensgestalter und nicht Verwalter. Verantwortung ist eine Haltung und ein Lebensgefühl: "Ich tue es!" Es geht darum, das eigene Tun nicht als Last, sondern als Lust zu empfinden – auch in schwierigen Zeiten.

Sie haben die Initiative "Verantwortung tragen" ins Leben gerufen. Was konkret steckt dahinter?

Sie entstand zunächst im Umfeld der Arcandor AG, wo ich bis zur Konzerninsolvenz die Gesellschaftspolitik leitete. Sympathieträger war ein kleiner Teddy. Globale Verantwortung wurde durch ihn greifbar und anschaulich. Er erinnerte auch daran, schonend mit den endlichen Dingen umzugehen. Symbolhaft dafür stand auch die limitierte Auflage. Zudem wurden die in Handarbeit hergestellten Sammlerteddys nicht verschenkt. Behalten durfte sie nur, wer sich mit einer entsprechenden Aussage zur persönlichen Verantwortung bekannte und danach handelte. Damit wurde ein allgemeines Thema auf eine Ebene geholt, die einen persönlichen Bezug hat. Beteiligt haben sich unter anderem Eva-Luise Köhler, Brigitte Mohn, Wolfgang Hölker, Prof. Heribert Meffert, Graf Faber-Castell, Günther Beckstein, Andreas Köpke, Oliver Kahn und Günter Netzer. Ebenso namhafte Aufsichtsräte und Geschäftsführer, aber auch Menschen des Alltags, die auf ihre Weise verantwortlich handeln.

Inwiefern war das Projekt selbst der Nachhaltigkeit verpflichtet?

Es wurde aus den Tantiemen meines Buches "Die Andersmacher" (2008) finanziert, in dem Querdenker und Lebensunternehmer vorgestellt wurden, die nachhaltig handeln. Auch die Teddys wurden von den Tantiemen, die ins Unternehmen als Auftraggeber geflossen sind, gekauft. Durch die Insolvenz hatten wir allerdings keinen Zugriff mehr auf die Honorare. Doch erklärten sich viele Menschen bereit, ehrenamtlich ihre Leistungen zur Verfügung zu stellen.

Was hielt diese Initiative nachhaltig am Leben und wohin entwickelt sie sich?

Beharrlichkeit, Mut, Kreativität, Einzelinitiative und Unternehmergeist waren dafür wesentliche Voraussetzungen. "Mit der Strömung gehen" heißt es nach Art des Zen: Machbares anpacken, mit realistischen Zielen beginnen, nach begeisterungsfähigen Mitstreitern Ausschau halten statt nach widerstrebenden Bremsern. Inzwischen ist die Ini­­­tiative ein Hilfsfond für regionale Nachhaltigkeits­projekte innerhalb der DFB-Stiftung Egidius Braun. Dem Engagement der Geschäftsführung ist es zu verdanken, dass die Strukturen hier professionell verankert sind. Die weitere inhaltliche Ausrichtung wird derzeit gemeinsam weiterentwickelt.

Inwiefern hat Sie die Konzerninsolvenz geprägt – und weshalb sind Sie trotz dieser Erfahrung dem Nachhaltigkeitsthema treu geblieben?

Wenn Sie alles, was Sie tun, immer auch zu Ihrer persönlichen Sache machen, dann hängen Sinn, Hoffnung und Zuversicht nicht an einem System, das sich von heute auf morgen ändern kann oder plötzlich nicht mehr da ist. Es gibt noch einen unberührbaren Kern außerhalb davon, der Kraft und Zuversicht gibt, aus allem etwas zu machen und Krisenzeiten besser zu bewältigen. Da ich niemals etwas "managen" wollte, sondern Freude am Unternehmertum hatte, war es für mich leichter, mit dieser He­rausforderung umzugehen.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Nachhaltigkeitsbeauftragte in der DFB-Kommission Nachhaltigkeit?

Als Impulsgeberin und Grenzgängerin. Anspruch des Gremiums ist es, durch fachlichen Dialog und durch konkrete Aktivitäten zur Weiterentwicklung des Nachhaltigkeitsthemas bis zum Bundestag 2013 beizutragen. In engem Austausch mit den Verantwortlichen des Hauptamts sollte es Ziel sein, Programme und Maßnahmen zu entwickeln sowie Steuerungsgrößen zu definieren. Erst wenn diese in die Zielsysteme des Verbandes integriert sind, zeigt sich der wahre Stellenwert des Themas.

In welchen Organisationsstrukturen und –kulturen kann Nachhaltigkeitsmanagement am besten gedeihen?

Großorganisationen haben in der Regel stärkere Hierarchien, mehrstufige Managementstrukturen und Abläufe, was sie zuweilen langsamer oder unbeweglich machen. Andererseits haben sie eine gewaltige Hebelwirkung und Umsetzungskraft aufgrund der eigenen Größe. Das Konservative ist hier in der Regel eine Grundhaltung, im Sinne von Bewahren. Kleinere Organisationseinheiten sind offener, flexibler, innovativer und vernetzter. Von ihnen lässt sich lernen, dass in einem wirklichen Entwicklungsprozess die Selbstorganisation aller beteiligten Akteure ein zentrales Element ist. Für die Entwicklung kooperativer Systeme sind jedoch beide Ansätze wichtig, weil Beständigkeit und Kontinuität neben Kreativität, Flexibilität und Diversität wichtige Faktoren einer nachhaltigen Gesellschaft sind. Dabei ist es wichtig, das Richtige weiter zu verfolgen, aber gleichzeitig verantwortungsvoll, kreativ und offen für den Wandel zu bleiben.