Valentin Thurn

Valentin Thurn, Regisseur und Autor, drehte über 40 Dokumentationen für Fernsehen und Kino. Sein Film „Ich bin Al Kaida“ war 2006 für den Deutschen Fernsehpreis nominiert, „Mit meiner Tochter nicht!“ wurde  beim Filmfestival Eberswalde ausgezeichnet und „Tod im Krankenhaus“ gewann den ARGUS-Medizinpreis 2008. 

Sein bekanntester Kinofilm „Taste the Waste“ war 2011 mit 130.000 Zuschauern einer der erfolgreichsten deutschen Dokumentarfilme. Er wurde auf der Berlinale uraufgeführt und auf 30 Filmfestivals weltweit gezeigt, gewann den Umwelt-Medienpreis der Deutschen Umwelthilfe sowie 15 weitere Preise.

2011 schrieb er das Buch „Die Essensvernichter“, mit einer Auflage von 35.000 Exemplaren Spiegel-Beststeller. 2012 folgte das „Taste the Waste“-Kochbuch, und 2013 drehte er „Die Essensretter“, wieder zahlreiche internationale Preise, darunter den Econsense Journalistenpreis.

Valentin Thurn ist Diplom-Geograph und wurde an der Deutschen Journalistenschule in München ausgebildet. 1993 gründete er die „International Federation of Environmental Journalists“ (IFEJ), 2012 den „Foodsharing e.V.“ und 2014 die Plattform „Taste of Heimat“.

 

Die Essensvernichter und die Essensretter

Die Zuschauer reagierten geschockt, als mein Film „Frisch auf den Müll“ (2010) und „Taste the Waste“ (2011) in Fernsehen und Kinos gezeigt wurden. Die Hälfte aller Lebensmittel auf dem Müll, kann das sein? Einen Monat nach der ersten Sendung kündigte die damalige Bundesernährungsministerin Ilse Aigner eine Studie zur Lebensmittelverschwendung an. Ich hatte in unserem Film noch mit Hochrechnungen gearbeitet, die auf britischen und österreichischen Studien basierten, weil es in Deutschland keinerlei Forschung zum Thema gab.

Ich freute uns natürlich über diese unmittelbare politische Reaktion auf unseren Film und das Buch „Die Essensvernichter“, das ich gemeinsam mit Stefan Kreutzberger schrieb. Mit über 130.000 Zuschauern war „Taste the Waste“ 2011 der erfolgreichste deutsche Dokumentarfilm in den deutschen Kinos, nochmal 30.000 waren es in Österreich. „Die Essensvernichter“ schafften es auf die Spiegel-Bestsellerliste, inzwischen ist die vierte aktualisierte Auflage erschienen.

Das besondere aber an dem Kinostart waren die Kochaktionen und öffentlichen Diskussionen, die zeitgleich stattfanden, organisiert von „Brot für die Welt“, Slow Food, den Tafeln, der Welthungerhilfe und anderen Organisationen. Nicht zu vergessen unser Koch Wam Kat, der mit seinen Helfern bundesweit Zehntausende von Essen aus den „Misfits“ zauberte, den Feldfrüchten, die die Landwirte wegen der Handelsnormen aussortieren müssen, und mit dem wir im September 2014 in Berlin ein weiteres Protest-Essen veranstalten wollen.

Dass viele kleine und große Unternehmen seither nach Lösungen suchen, inspirierte mich 2013 zu dem Nachfolgefilm „Die Essensretter“ (Food Savers). Ich wollte damit zeigen, welche Alternativen zur Lebensmittelverschwendung europaweit  bereits funktionieren und für andere als Beispiel dienen können. Unternehmen können in einer Marktwirtschaft nur mit Lösungen erfolgreich sein, die auch von ihren Kunden akzeptiert werden. Und dazu braucht es eine andere Haltung dem Essen gegenüber, mehr Wertschätzung. Eine gesellschaftliche Aufgabe, bei der einzelne Unternehmen eindeutig überfordert sind, hier muss die Politik die Führung übernehmen.

Das deutsche Ernährungsministerium hat durchaus die Relevanz des Themas erkannt – wenn es um konkrete Aktionen geht, knickt es aber vor den Lobbys der Wirtschaftsverbände ein. Als das Ministerium die erste deutsche Studie über Lebensmittelverschwendung vorstellte, verkürzte man das Ergebnis der Forscher der Uni Stuttgart in der Pressemitteilung auf die Aussage, dass zu 61 % der Verbraucher schuld sei. Entsprechend konzentriert sich das Ministerium mit seiner Kampagne „Zu gut für die Tonne“ nur auf den Verbraucher.

Doch die Zahl 61 % ist eine unzulässige Schlussfolgerung, schließlich wurde ein riesiger Bereich komplett weggelassen: Die Landwirtschaft. Zudem waren die Ergebnisse in vielen Sektoren mehr als unscharf: Beim Handel etwa weisen die Forscher in der Studie darauf hin, dass ihre Schätzungen sich zwischen 450.000 und 4.5 Millionen Tonnen bewegen – das Zehnfache! Die Schwankungsbreite bei der Industrie war noch größer.

Fast alle anderen Studien aus der EU kommen hingegen zum Schluss, dass die Verbraucher für rund 40 – 45 % des Lebensmittel-Müllbergs verantwortlich sind. Das heißt aber auch: Das meiste wird weggeworfen, bevor es uns Verbraucher erreicht. Unter dem Strich heißt das: Eine Lösung wird es nur geben, wenn alle in der Produktionskette zusammenarbeiten. Ein Händler kann nicht agieren, wenn seine Kunden nicht mitziehen. Aber wir Verbraucher können auch nichts machen, wenn keine krummen Gurken im Supermarkt angeboten werden.

Wenn Supermärkte sich zunehmend „just in time“ beliefern lassen, dann verlagert das die Müllproblematik nur auf die Transporteure, die viel mehr Ware vorhalten müssen um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Folge: Die Supermärkte haben weniger Überschüsse, die Lkw-Speditionen umso mehr.

Wie man die ganze Produktionskette anspricht, zeigt das Beispiel Großbritannien. Die Briten sind zwar sonst nicht gerade als Öko-Vorreiter bekannt. Aber vielleicht liegt es genau daran. Denn immer noch deponieren sie einen großen Teil ihrer Abfälle auf Müllkippen. Und die sind randvoll, zudem droht die EU mit Millionen-Strafzahlungen. Beides hat eine Dringlichkeit geschaffen, unter der schon 2007 die Regierung von Gordon Brown drastische Gegenmaßnahmen beschloss.

Um eine Verringerung der Müllmengen zu erreichen, gründete die britische Regierung das „Waste Resources Action Programme“ (WRAP). Es führte detaillierte Studien durch, die nachwiesen, wie viele kostbare Ressourcen unnötig verschleudert werden, und führte Kampagnen durch, die zeigten, wie einfach es ist, weniger wegzuwerfen.

Die britischen Bemühungen verschonten auch die Unternehmen nicht. Die Regierung holte sie mit sanftem Druck an den Verhandlungstisch, indem sie mit gesetzlichen Regulierungen drohte. Mit Erfolg: Im „Courtauld Committment“ verpflichteten sich die Lebensmittel-Unternehmen zu einer Müll-Reduzierung um fünf Prozent in zwei Jahren. Zum Bedauern vieler Umweltpolitiker gab es keine Straf-Androhung, falls dieses Ziel nicht erreicht wird. Einziges Druckmittel war, dass die Unternehmen blamiert wären. Und das reichte offenbar: Industrie und Handel schafften die angepeilten fünf Prozent. Diese Bemühungen haben auch den Regierungswechsel von Labour zu den Tories überdauert. Die aktuelle konservative Regierung verhandelt gerade mit der Gastronomie-Branche über ein weiteres „Courtauld Committment“.

Stand: Juni 2014