Prof. Dr. Meinrad Armbruster

Prof. Dr. Meinrad Armbruster, Jahrgang 1954, wurde in Schenkenzell (Schwarzwald) geboren, Studium (Psychologie, Pädagogik, Philosophie) an der Pädagogischen Hochschule Lörrach, am Psychologischen Institut in Heidelberg und an der Philosophischen Fakultät in Siena/Italien. Diplom in Psychologie; Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Psychologischer Psychotherapeut, Ausbildungen in Verhaltenstherapie, tiefenpsychologischer Psychotherapie, Psychodrama, systemischer Familientherapie und Supervision. Tätigkeit in Honduras/Mittelamerika, Leitung einer Psychologischen Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern in Mannheim. Lehrtherapeut, Selbsterfahrungsleiter und Supervisor. Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universitätskinderklinik Heidelberg, Promotion zum Dr. sc. hum. an der Medizinischen Fakultät. Seit 1999 Professor für das Fach Pädagogische Psychologie an Hochschule Magdeburg-Stendal; 2005 – 2008 Dekan des Fachbereichs Sozial- und Gesundheitswesen; seit November 2008 Ashoka-Fellow.

Er versteht sich gleichermaßen als Psychotherapeut und Wissenschaftler, vor allem jedoch auch als Social Entrepreneur. Gemeinsam mit engagierten Studierenden und Professionellen gründete er 2003 den MAPP e.V. zur Verbesserung der psychosozialen Versorgung und Gesundheitsförderung auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse. Seither hat er den Vorsitz des Vereins inne, aus dem u.a. das MAPP-Institut und die ELTERN-AG hervorgegangen sind.
Weitere Informationen: http://www.meinrad-armbruster.de

 

Selbermachen! Mit Empowerment aus der Krise

Wir leben offensichtlich in einem Zeitalter der großen Ambivalenzen – einerseits haben wir (zumindest theoretisch) eine immer größere Zahl an Möglichkeiten, wie wir unser Leben optimieren und den Genuss weiter steigern können; andererseits leiden wir darunter, dass genau diese Optionen uns einengen, dass wir uns von uns selbst entfremden, uns vor der Zukunft ängstigen und uns die Komplexität der institutionellen und technischen Sachzwänge zu überwältigen droht.

Ein Umsteuern erscheint nur um den Preis des Zusammenbruchs vorstellbar, wir steigern das Tempo, viele kommen außer Puste, manchen geht schon jetzt die Luft aus, sind erschöpft, krank. Wir verbrauchen, verschwenden, zerstören mehr, als wir aufbauen.

Die Zeitenwende bringt atemberaubende Innovationen, die das Leben für die allermeisten einfacher, komfortabler und vernetzter machen.

Unsere unbefriedigende Situation äußert sich in negativen Befindlichkeiten, einseitiger materieller Orientierung, verzerrter Wirklichkeitswahrnehmung, Ruhelosigkeit, Psychosomatischen Krankheiten und einem destruktiven Verhältnis zur Natur.

Wir beschreiben Empowerment als eine positiv-normative Philosophie. Damit drücken wir die Überzeugung aus, dass die meisten Menschen nach einem Dasein, einem „guten“ Leben streben, das sich an moralischen Werten und ethischen Maßstäben orientiert.

Glückseligkeit (eudaimonia) stellt sich ein, wenn Menschen es verstehen, sich unter den Bedingungen praktischer Vernunft denkend, redend und handelnd in der Gemeinschaft zu verwirklichen. Kurz: Glück entsteht durch das richtige Tun, das uns mit anderen Menschen verbindet.

Die Erfordernisse der Moderne bedienen sich nun gerade jener menschlichen Eigenschaften, die für Egoismus, Durchsetzungswillen und Wettbewerb stehen.

Denn die nicht-merkantilen Wesenszüge der Menschen – Spiel, Muße, Schöpferkraft, Geselligkeit – werden durch den Zwang zu fortlaufender Geldvermehrung und Warenproduktion verdrängt, der untrennbar mit diesem Pakt verbunden ist: Nicht mehr der Sinn und Nutzen, der Gebrauchswert einer Sache, interessiert, sondern allein der Besitz und ihr Tauschwert.

Die Einzigartigkeit unserer Existenz macht weitgehender Beliebigkeit und Austauschbarkeit, die Qualität der Quantität Platz.

Persönlicher Reichtum und grenzenlose Freiheit, die Glücksversprechen der industriellen Revolution, wenden sich nach zwei Jahrhunderten ständig steigenden Wohlstands gegen uns selbst.

Ein gutes Leben ist in unserem Konzept eine gesicherte, erfüllte Existenz, die den Besitz materieller Güter einschließt, aber weit darüber hinausreicht.

Als Grundhaltung und Werkzeug verschafft Empowerment den Menschen Zugang zu ihren Ressourcen, das heißt zu ihren ungenutzten psychologischen Fähigkeiten und Handlungsweisen, die sie aktivieren können, um ihre Bedingungen zu verbessern und zu erweitern. Mit ihrer Hilfe realisieren sie das gute Leben.

Empowerment wird durch selbst- und gruppenbezogene Aktivitäten, sogenannte Anstöße, realisiert. Anstöße bestehen vor allem in aufbauender, gegenseitig anerkennender Ermutigung, sokratischem Dialog und Handeln auf gleicher Augenhöhe. Sie erfordern Übung und befördern Selbstwahrnehmung, Selbstkompetenz und Selbstbestimmung.

Mithilfe von Empowerment befriedigen wir im Besonderen die Grundbedürfnisse nach soziabler (vs. egoistischer) Selbstverwirklichung und solidarischer (vs. kompetitiver)  Kooperation. Sie bilden die Grundlage für ein erfülltes und verantwortungsvolles sowie sinnhaftes und genussreiches Dasein.

Sich Rechenschaft geben, sein Leben selbst in die Hand nehmen, seine Bilanzen ins Gleichgewicht bringen. Hierfür braucht es dreierlei: innere Achtsamkeit, wohlwollendes Engagement für sich und andere sowie einen sorgsamen Umgang mit der Natur.

Auszüge aus: Meinrad Armbruster: Selbermachen! Mit Empowerment aus der Krise. Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2015.

Stand: Februar 2015